Stellungnahme des Jakobshof

Soeben wurde auf der Homepage des Jakobshof folgende Pressemitteilung veröffentlicht:

Pressemitteilung zum Elephant Man Konzert am 15.3 im Jakobshof Aachen
Am 15.3 wird der jamaikanische Künstler Elephant Man im Jakobshof, Aachen auftreten. Wir freuen uns diesen außergewöhnlichen Künstler aus Jamaika bei uns begrüßen zu dürfen. Wir sind uns bewusst, dass dieser Künstler zum Teil umstritten ist. Dies rührt vor allem daher, dass er in der Vergangeneit Liedgut homophoben Inhalts performt hat.

Für den 15. März 2012 ist vertraglich festgehalten, dass ältere Songs mit homophoben Inhalten nicht performt werden.

Wir glauben, dass in Jamaika ein Prozess des Umdenkens beginnt. Wir, Glücklich Ent. und Running Irie Sound als Veranstalter und die Betreiber des Jakobshof, sehen uns als Mitglieder einer toleranten, europäischen Reggae- und Dancehall-Szene und wir hoffen, mit und durch unseren offenen Umgang mit den Künstlern, den oben genannten Prozess des Umdenkens vorantreiben zu können.
Im Rahmen des Elephant Man Konzerts im Bloomclub, Wuppertal im November 2011, wurden Konzert-Besucher von den anwesenden Demonstranten beschimpft und bespuckt. Wir wissen, dass wir solche Reaktionen auf das Konzert am 15. März nicht unterbinden können, hoffen aber, dass eine differenzierte Berichterstattung gewissen Verhaltenweisen entgegenwirken kann.

Gerne stehen wir für Stellungnahmen und Interviews bereit. Offen sind wir auch gegenüber einem Dialog mit Vertretern der Schwulen- und Lesbenverbänden.

Hintergründe
Homophobie ist in Jamaika ein gesellschaftliches Problem und auf Jamaika kulturell, religiös und sogar gesetzlich verankert. Das ist zu bedauern, aber wir hören jamaikanische Musik – und wir hören sie nicht, weil sie homophob ist (und das ist auch nur ein sehr kleiner Ausschnitt des Reggae und Dancehall!) sondern weil wir die Musik lieben.

Die Bandbreite an Meinungen, die in dieser Musik widergegeben wird, ist vergleichbar mit der deutschen Musiklandschaft unter Einbeziehung jeglicher deutschsprachiger Musik – von Schlager über die Neue Deutsche Welle bis hin zu deutschem Hiphop á la Bushido. In Korrelation zu diesem Phänomen gilt für Jamaika, dass die dortige Musikkultur schon immer ohne Zensur jeglichen Inhalten eine Plattform geboten hat.

Für Deutschland gilt, dass Homosexualität noch bis in die 1970er Jahre gesetzlich verboten war. Allein durch einen langen, sich über Jahrzehnte hinstreckenden Prozess konnte erreicht werden, dass Homosexualität heute in großen Teilen der deutschen Gesellschaft akzeptiert wird. Gleichwohl werden in Deutschland – und vielen anderen europäischen Ländern ebenfalls – Homosexuelle noch immer gesetzlich heterosexuellen Paare gegenüber benachteiligt. Es ist also erkennbar, dass der emanzipatorische Prozess in der deutschen Gesellschaft noch nicht abgeschlossen ist. Dafür spricht auch der Umstand, dass ein Künstler wie Bushido, der sich gegen Homosexualität ausgesprochen hat, und der einen weitaus größeren Einfluss auf die Jugend Deutschlands als alle aktuellen Künstler Jamaikas zusammengenommen hat, einen Bambi für Integration.

Die Reggae- und Dancehall-Szene in Europa besteht zu großen Teilen aus weltoffenen jungen Menschen, denen nichts ferner als Homophobie liegt. Wir verstehen uns als Mitglieder einer europäischen Reggae- und Dancehall-Community, die glaubt, dass die offene Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie weit mehr bewirken kann als ein pauschal ausgesprochenes Auftrittsverbot. Und viele jamaikanische Künstler haben sich bereits von den homophoben Inhalten ihrer Tunes distanziert und u.a den Reggae Compassionate Act unterzeichnet, der auch vom deutschen Lesben- und Schulen Verband LSVD ratifiziert wurde.

Uns reicht nicht, dass Elephant Man ankündigt, auf bestimmte Songs zu verzichten. Wir fordern die Absage des Konzerts!


4 Antworten auf „Stellungnahme des Jakobshof“


  1. 1 Hullebulle 27. Februar 2012 um 16:56 Uhr

    Naja, zum Glück geht wenigstens der Jakobshof argumentativ richtig an die Sache ran, was man von dem reflexartigen „wir sind dagegen“ hier wirklich nicht behaupten kann. Hört doch auf zu fordern und geht einfach nicht hin. Peinliche, weltfremde Nummer das ganze hier.

  2. 2 Administrator 28. Februar 2012 um 15:00 Uhr

    Es wird in Kürze eine Stellungnahme unsererseits zum Statement des Jakobshof geben.

  3. 3 Hosch 29. Februar 2012 um 1:45 Uhr

    Schämt euch, Ihr Jakobshofler, Hauptsache Geld verdienen, offensichtlich um fast jeden Preis. Eure Argumente sind derart fadenscheinig, dass einem davon übel werden kann. In Jamaica wird sich damit garnichts ändern, wenn ihr den Mann hier (mit was auch immer nicht) singen lasst.

    Er darf m. E. auch dann kein Podium erhalten, wenn er in Anbetracht öffentlichen Protests für das Aachener Konzert den Verzicht auf Texte mit derartigem Inhalt erklärt. Auch dann würden die mit seiner Person verknüpften (und auf seinen CD’s vertriebenen) Menschen feindlichen Gesangstexte im Falle seines Auftritts unzulässigerweise beworben.

    Das will in unserer Stadt (fast) keiner!

  4. 4 Anonymous 29. Februar 2012 um 15:57 Uhr

    Der Reggae Künstler Elepahnt Man ist natürlich nicht aufgrund seiner Äußerungen in der Vergangenheit zu belangen, noch zu kritisieren, sofern diese performativ wirksamen Äußerungen, d.h. öffentlich und diskursmächtig verbreitet, von dem Akteur selbst, also Elephant Man(EM) revidiert und zurückgenommen bzw. gegenwärtig konterkariert werden. Im Jahre 2007 unterschrieb EM den Reggae Compassionate Act (RCA), ein Abkommen mit den Initiatoren der Kampagne „Stop Murder Music“. Altes Liedgut homophoben Inhalts wird nicht mehr gespielt, neue entsprechende Inhalte werden nicht mehr produziert.
    Soweit so gut, die antagonistische Umgangsweise mit EM und dem Jakobshof bzw. dem Running Irie Soundsystem kann jedoch in diesem Kontext nicht antizipierte Effekte haben. Nämlich einen identitären Abgrenzungsprozess der Konzertbesucher_innen zu eventuell öffentlich protestierenden Vertretern_innen für die Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung. Vordergründig und für den schlecht informierten Konzertbesucher_in scheint dieser Art des verkürzten Protestes, in Form von z.B. einer Kundgebung vor der Location, eine Handlung gegen ihre Form der Abendunterhaltung zu sein (also Reggaekonzerte, Reggaekünstler_innen etc.) Dem ist faktisch vermutlich ja nicht so; der Reggae ist nicht Teil des Symptomes homophober Äußerungen und Gesetzgebungen besonders in Jamaika und von einigen Reggaekünstler_innen von dort, sondern die Wurzeln für Homopobie in Jamaika sind zu suchen im Post-Kolonialismus, in der evangelikalen Bewegung, in der HipHop Kultur Nordamerikas und in vielen weiteren Bereichen. Im Reggae ist ein Schnittpunkt mit der liberalen und libertären Jugendkultur der westlichen Hemisphäre entstanden und dort finden nun Diskussionen, Reiberrein und Widersprüchlichkeiten statt. Dem gegenüber ist nicht zu vernachlässigen, dass es einen bürgerliche Homophobie gibt, die im Verborgenen bleibt und dort auch überdauern kann. Im Musikantenstadl werden eigentlich keine homophoben Lieder gespielt. Doch auch die dort zwanghaft vorherrschende Heteronormativität kann ähnlich wirken und Homosexualität in den Köpfen der Zuhörer als abnormal und bekämpfenswert zu verankern. Was vermutlich auch vielfach der Realität in den älteren Generationen entspricht. Auch diese haben sehr wirksame und manipulierende (Diskurs-)Macht innerhalb der Familien, Arbeitsplätze und Stammtische. Diese subtile strukturelle Gewalt hat in ihrer Masse möglicherweise schlimmere Auswirkungen auf die sexuelle Selbstbestimmung hier in Europa als die Aüßerungen irgendeines Reggaekünstleres.
    Dennoch ist der aktuelle Fall nicht zu vernachlässigen, kommt aber nicht ohne die Fragestellung nach einer fundierten Methodik aus. Ein Protest bewirkt, dass Besucher_innen des Konzertes in Aversion zu den Gesamtaussagen der Protestierenden stehen könnten, da ihr emotinales und affektives Kostüm kurz vor einem Konzert hauptsächlich auf Vergnügen und Verdrängung gepolt ist. Eine Auseinandersetzung mit derart ernsten und im Falle der faktischen Innenpolitik von Jamaika sogar lebensbedrohlichen Themen, ist meist an einem solchen Abend unangebracht und fruchtlos, da, ich spreche aus eigener Erfahrung, Inhalt der Prostestierenden komplett negiert, ignoriert oder abgelehnt werden, allerdings in anderen Kontexten mit den gleichen Menschen vernünftig und ruhig diskutiert werden könnten.
    Daher mein Pladoyer zum Schluss: Versucht Kontakt zu Elephant Man aufzubauen. Seid Kreativ und schafft Brüche. Lasst Elephant Man den RCA vorlesen oder eine Regenbogenfahne schwingen. Geht aufs Konzert und macht gleichgeschlechtig rum oder so. Denkt euch was ungewöhliches aus. KEIN dogmatisch erscheinender BlackBlock, flyerverteilend und transpi-schwingend vorm Jakobshof.
    Wenn EM seine Geisteshaltung bez. Homophobie geändert hat, ist dieser Teil des Diskurses zu befeuern und du verbeiten. Lasst ihn dies wiederholt veräußern wenn er das so ernst meint. Lasst es ihn plakativ und eindeutig veräußern. Auch wenn EM nur zum geleuterten Ex-Schwulenhasser stilisiert wird (z.B. Foto mit Regenbogenfahne etc.pp.)und innerlich nicht wirklich ist, so geht dann doch die Wirkungen über Aachen hinaus. Es würde nicht nur ein Konzert verhindert bzw. eine paar regionale Konzertbesucher aufgeklärt, sofern diese denn den Protestierden zuhören, sodern ein Signal gesendet das multimedial verbreitbar ist. Nehmt euch das Schaupiel, macht den Jakobshof zu euer Bühne und gestaltet das Stück so wie ihr es Euch wünscht. Die Konzertbesucher gehen nach Hause, haben womöglich etwas gelernt, ohne es überhaupt gemerkt zu haben oder einen Flyer zu lesen.
    Think globally, act locally!!!

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